ADHS bei Erwachsenen

Vorwort: Diese Seite ist Teil meiner psychotherapeutischen Praxis. Die Inhalte entsprechen wissenschaftlichen Kriterien und ich befinde mich in keiner Abhängigkeit zu Pharmaunternehmen oder anderen privatwirtschaftlichen Interessen.
Disclaimer
ADHS - Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom

Was bedeutet ADHS?

Die Abkürzung steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Das wichtigste Wort hierbei ist das Wort Syndrom. Ein Syndrom ist das gleichzeitige Vorliegen von mehreren Symptomen. Beispiel Corona: Husten, Schnupfen, Atembeschwerden, Gliederschmerzen, geschwollene Lymphknoten und Abgeschlagenheit kommen bei Corona vor. Aber auch bei Grippe, bakteriellen Infektionen oder wenn Sie mit den Füßen zu lange im kalten Wasser gestanden haben. Die ADHS Kernsymptome gibt es entsprechend auch bei vielen anderen Erkrankungen. Das erschwert die Diagnostik und führt dazu, dass viele Patient*innen falsch behandelt werden.
Die Kernsymptome sind: Verminderte Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und nicht zu Ruhe kommen, Temperamentseigenschaften wie leichte Irritierbarkeit und Grundgenervtheit, Stressintoleranz bei moderater Belastung, Desorganisation, Stimmungsschwankungen (mal zu gut gelaunt, mal alles infrage stellen) und Impulsivität.

ADHS hat einen signifikanten Effekt auf die Lebensdauer. Unbehandeltes ADHS verkürzt das Leben im Durchschnitt um 12,5 Jahre. Gründe hierfür sind die unmittelbaren Folgen der unerkannten Erkrankung:

  • Hochdruckkrankheiten wie Herzinfarkte und Schlaganfälle
  • Unfälle infolge verminderter Konzentration
  • Autoimmunerkrankungen infolge von Dauerstress
  • Verkürzte Lebensdauer durch Substanzkonsum (Alkohol, Cannabis, Kokain).
  • Oftmals eine Vielzahl psychischer Probleme als Folge der Kernsymptomatik.

Ist ADHS eine Modediagnose
Nein, ganz und gar nicht. Obwohl ADHS mittlerweile immer öfter diagnostiziert wird, ist die Dunkelziffer von unerkanntem ADHS immer noch immens. Etwa vier Prozent der Erwachsenen in der Bundesrepublik erfüllen die Diagnosekriterien. Natürlich braucht nicht jeder Betroffene eine Psychotherapie. Umgekehrt macht das Vorliegen von ADHSaber empfänglich für psychische Erkrankungen. Zahlen gefällig?

Jeder 10 Patient in einer psychotherapeutischen Praxis hat ADHS
Jeder fünfte Patient in einer Psychiatrie hat ADHS.


Aus Interesse habe ich beim Statistischen Landesamt Hamburg nachgefragt, wie viele Patienten mit der Diagnose ADHS im Jahr 2020 in einer Psychiatrie aufgenommen wurden. Fun Fact: 1 Person.

Diagnostik: Wie entscheide ich, ob ADHS vorliegt oder nicht
Wie bei allen Erkrankungen von A wie Asthma bis Zehennagel (eingewachsen) gibt es glasklare Kriterien, die erfüllt sein müssen, um eine Erkrankung zu diagnostizieren. Die Diagnosestellung von ADHS hat also nichts mit „ich finde aber…” zu tun, sondern mit „so ist es” – also definierten und transparenten Kriterien. Das Wichtigste in Kürze: ADHS beginnt im Kindesalter. Man kriegt es nicht, sondern hat es – oder eben nicht. Wenn im Erwachsenenalter das volle Bild von ADHS gezeigt wird, es im Kindesalter aber nicht vorgelegen hat, ist es kein ADHS. Dafür etwas, was genauso aussieht. Siehe Stichworte Syndrom (gleichzeitiges Vorliegen verschiedener Symptome und Differenzialdiagnostik). Die Kriterien für die Diagnose sind in den Diagnostikmanualen DSM-V und ICD-11 festgeschrieben.

Was ist ADHS und warum ist vieles anders als bei anderen psychischen Erkrankungen?

Die etwas vereinfachte Antwort ist: Es liegt ein Mangel am Botenstoff Dopamin vor. Dopamin steuert unsere Motivation, ist für die Bedeutungszuweisung – also das Erkennen von Zusammenhängen wichtig und Teil unseres Belohnungszentrums. Zuwenig Dopamin, heißt: Zusammenhänge werden nicht erkannt. Es liegt eine verminderte Motivation vor, Dinge zu beginnen (Aufschieberitis) und es stellt sich kein Zufriedenheitsgefühl ein. Deutlich zu viel Dopamin lässt uns Zusammenhänge erkennen, wo keine sind: Angela Merkel hat Falten am Hals, also ist sie in echt ein Echsenmensch. Bei zu viel Dopamin wird der Mensch wahnhaft und erleidet einen Realitätsverlust. Das nennt sich dann Psychose. Biologisch ist ADHS gewissermaßen das Gegenteil einer Psychose.
Ein zweiter Botenstoff ist Noradrenalin. Noradrenalin ist ein Stresshormon, das den Abbau von Dopamin hemmt. Das bedeutet: Wenn ADHSler richtig Stress haben, können sie sich konzentrieren. Vorher nicht. Also benötigen Betroffene Stress, um sich ausgeglichen zu fühlen. Die spiegelt sich oft in stressiger Berufswahl: Rettungssanitäter, Manager, Pflegekräfte, Werbebranche, Gastronomie und Küche, Polizei, Streitkräfte und investigativer Journalismus.
Dies ist auch der Grund, warum so gut wie alle ADHSler schneller als der Durchschnitt auf Autobahnen unterwegs sind. Bei Tempo 80 ist die Konzentration nicht da. Ab 160 km/h ist die Anspannung und die Notwendigkeit schnell reagieren zu können stark genug, um für eine gute Konzentration zu sorgen.
Der Nachteil dieses Mechanismus ist, dass immer Stress gebraucht wird, um sich zu entspannen. Deswegen herrscht insbesondere ab Ende20 oder Anfang dreißig eine chronifizierte Erschöpfungsdepression vor.
Oft führt dieser Mangel an Dopamin zu Suchtverhalten. Alles, was süchtig macht, wirkt direkt auf das dopaminerge System: Alkohol, Cannabis, Kokain, Amphetamine, Glücksspiel, Essanfälle, Onlinepornografie, Kleptomanie und Onlinespiele.

Differenzialdiagnostik
Schwieriges Wort – einfacher Inhalt. Immer wenn mehrere Dinge gleich aussehen müssen, wir herausfinden, was Sache ist. Wenn ihr Nachbar von oben drei Radios mit demselben Sender spielen lässt, schlafen Sie auch nicht besser, wenn er eines ausstellt. Die Störungsbilder ADHS, Borderline Persönlichkeitsstörung, Autismusspektrumstörung (Asperger Autismus und hochfunktionaler Autismus), posttraumatische Belastungsstörung und komplexe posttraumatische Belastungsstörung erzeugen eine Vielzahl gleicher Symptome. Ärgerlich: Man kann auch Läuse und Flöhe haben. Jede Therapie wird scheitern oder unter ihren Möglichkeiten bleiben, wenn wir dies nicht bedenken und nur einen Teilbereich bearbeiten.

Wie entscheide ich über die Notwendigkeit von Therapie oder nicht?
Kleiner Exkurs: Wir können bei der Testung von ADHS entscheiden, was wir messen wollen:

  • Liegt ADHS vor oder nicht (also ja oder nein)
  • Wie stark ist die Ausprägung im Vergleich zu anderen Menschen
  • Stellt die ADHS Symptomatik ein Problem dar. Falls nein, muss man auch nichts machen.
  • Bonusmaterial: Gibt es andere Dinge, die genauso aussehen oder die Symptomatik besser erklären?

Mithilfe einer strukturierten Selbsteinschätzung wird in der Diagnostik erhoben, welche der sieben Dimensionen (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Stimmungsschwankungen, Temperament, Desorganisation, Stressintoleranz und Impulsivität) Einschränkungen bestehen. Diese sieben Dimensionen sind die sogenannten Wender-Utah-Kriterien, die nach ihrem Urheber Paul Wender benannt sind und bei ADHS gemeinsam auftreten. Je nach Ausprägung der Probleme kann eine Psychotherapie oder eine Pharmakotherapie oder eine Kombinationsbehandlung gewählt werden. Bei starker Ausprägung der Symptome und einem hohen inneren Leidensdruck ist eine Pharmakotherapie einer Psychotherapie deutlich überlegen. Tatsächlich lässt sich die eigentliche ADHS Symptomatik oft stark lindern oder sogar zum Stillstand bringen. Etwa 40% der Patient*innen benötigen bei einer gut gemachten Psychotherapie keine weitere Pharmakotherapie.

Was mache ich, wenn mehrere Störungen gleichzeitig vorliegen?
Das sind die anderen 60% der ADHS-Betroffenen. Für Psychotherapeuten und Ärzte gibt es die sogenannten S3 Leitlinien. Die geben vor, welche Art der Behandlung am erfolgversprechendsten sind. Also ein Nachschlagewerk, wie man am besten vorgeht. Wenn posttraumatische Belastungsstörung zum Beispiel gleichzeitig vorliegt, muss die entsprechend den S3 Leitlinien behandelt werden. Ansonsten werden die ADHS Medikamente nie ihre volle Wirkung erzielen. Eine spezifische Psychotherapie für ADHS im Erwachsenenalter gibt es nicht. Dafür ist das Störungsbild zu breit gefächert. Außerdem verschwindet ein Großteil der Symptome unter einer leitliniengerechten Pharmakotherapie. Die psychotherapeutischen Fragestellungen bei ADHS sind dem Grunde nach ganz herkömmliches Alltagsgeschehen für eine psychotherapeutische Praxis: Behandlung des Selbstwertes durch Ablehnungserfahrungen oder Mobbing, Trauer um verpasste Chancen, wenn die Diagnose spät gestellt wurde, Behandlung von Depressionen etc.

Es braucht also keine Experten für ADHS. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum auch unter Psychotherapeut*innen.