Therapie bei ADHS im Erwachsenenalter

Wenn eine Diagnose gestellt wurde, taucht fast immer die Frage auf, was man mit der neuen Situation macht.

Hier möchte ich einen Überblick über die Möglichkeiten und Unterschiede von Pharmakotherapie und Psychotherapie geben. Nicht jedes ADHS muss behandelt werden. Oft ist es aber so, dass bestimmte Probleme bestehen. Ansonsten würde ja keine Diagnostik aufgesucht. Für Betroffene und Neudiagnostizierte biete ich Infoveranstaltungen an, die von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden.

Wenn in den ersten beiden Dimensionen + in zwei weiteren mittlere bis starke Probleme bestehen, ist eine Pharmakotherapie in Betracht zu ziehen.

Wann ist eine Pharmakotherapie sinnvoll?

ADHS bildet sich auf sieben Dimensionen ab. In einer sauberen Diagnostik klären Sie gemeinsam mit den Behandelnden ab, in welchen Bereichen Probleme vorliegen. In der allgemeinen Wahrnehmung sind oft nur die Aufmkerksamkeitsstörungen und die Hyperaktivität bekannt. Wenn in den ersten beiden Dimensionen + in zwei weiteren mittlere bis starke Probleme bestehen, ist eine Pharmakotherapie in Betracht zu ziehen.

  • Aufmerksamkeitsstörungen: Hier ist nicht nur die Konzentration gemeint, sondern auch die Unfähigkeit Reize auszublenden oder bei einem Thema zu bleiben ohne abzudriften.
  • Hyperaktivität: Innere und äußere Unruhe – aufstehen müssen, Bewegungsdrang, gedanklich nicht zur Ruhe kommen und nicht abschalten können.
  • Temperament: Leicht irritierbar sein, schnell oder dauerhaft genervt reagieren.
  • Stimmungsschwankungen: Schneller Wechsel der Stimmung zwischen depressiven Einbrüchen und gehobener Stimmung mit hohem Redebedürfnis. Schnell gelangweilt sein.
  • Stressintoleranz: Gemeint ist, bei normalen Alltagsanforderungen mit Überforderung, Ängstlichkeit und Erstarren zu reagieren. Unfähigkeit oder starke Probleme Dinge anzugehen oder bis zu Ende durchzuführen. Interessanterweise reagieren ADHS Betroffene in Extremsituationen (Unfälle, Gefahrensituationen, bei extremem Zeitdruck oder in Lebensgefahr) sehr fokussiert. Dem liegt ein biologischer Mechanismus zugrunde.
  • Desorganisation: Zu viele Dinge auf einmal anzetteln, schlechtes Zeitgefühl, Schwierigkeiten sich an Pläne zu halten, Probleme beim Befolgen von Kalendern, zu wenig Zeit für Partnerschaft oder Familie einplanen.
  • Impulsivität: Unüberlegte Entscheidungen, Probleme mit Geld, Kaufsucht, anderen ins Wort fallen oder deren Sätze beenden, erst handeln, dann denken, Ungeduld, Schwierigkeiten in Warteschlangen oder im Straßenverkehr, die Geduld zu bewahren.

Welche Themen gehören in eine Psychotherapie

Es gibt keine ADHS-spezifische Psychotherapie. Zwei der Kernbereiche der ADHS lassen sich psychotherapeutisch gut behandeln. Das sind Desorganisation – wie schaffe ich Strukturen und Impulsivität – muss ich jedem Impuls nachgeben. Die anderen 5 Dimensionen sind neurologische Korrelate. Sie werden ihre Aufmerksamkeit nicht durch Übungen verbessern, wenn Sie keine biologische Grundlage dafür haben. Trotzdem kann es hilfreich sein, sich Unterstützung im Umgang mit der ADHS -Symptomatik zu holen.
Die Themen einer Psychotherapie hingegen sind ganz klassisch: Oftmals niedriger Selbstwert durch Ablehnungserfahrungen + Mobbing, Trauer über verpasste Chancen, zerbrochene Beziehungen und eventuell körperliche Erkrankungen infolge der ADHS-Symptomatik, wenn die Diagnose erst im fortgeschrittenen Lebensalter gestellt wird, Umgang mit Zwanghaftigkeit/Perfektionismus, der normalerweise als Ausgleich für das innere Chaos dient. Klassischerweise ist nicht ADHS selber das zentrale Thema einer Psychotherapie sondern vielmehr die Folgen der bis dahin unerkannten Diagnose.

Ausnahmen: Um langfristig Zufriedenheit zu erlangen, sollten sich Behandler*innen und Patient*innen im Klaren sein, dass bestimmte Bereiche sich der normalen psychotherapeutischen Logik entziehen. Oftmals werden Entspannungsübungen auch in Kliniken o.ä. gehasst, da sie zu mehr Anspannung führen (siehe biologische Grundlagen). Auch wird sich in der Mehrzahl der Fälle die Kernsymptomatik nicht komplett zurückbilden. Entsprechend sollte das Leben so gestaltet werden, dass es zur eigenen „Art zu sein“ passt. Für Therapieziele bedeutet dies, eine werteorientierte Lebensführung (Annäherungs- vs. Vermeidungsmotive) zu entwickeln. Was das konkret bedeutet, ist unter anderem Inhalt der Infoveranstaltungen für Betroffene und der Fortbildungen für Behandler.